
Seit den ersten Aufsehen erregenden
Ausstellungen in New York zu Beginn der 1980er Jahre wurden
die Werke von Julian Schnabel enthusiastisch als neuer Höhepunkt
der für tot erklärten Malerei gefeiert. “Tellerbilder”
aus zersprungenem Porzellan und großformatige ausdrucksstarke
Ölgemälde fanden Eingang in alle wichtigen internationalen
Sammlungen. Mit seinem ersten Film über den Freund und
Malerkollegen Jean-Michel Basquiat 1996 und seinem zweiten
Film “Before Night Falls” hat sich Schnabel auch als Regisseur
und Drehbuchautor einen Namen gemacht. Die Schirn widmet sich
in einer umfassenden Retrospektive mit über 50 monumentalen
Exponaten dem malerischen Werk Julian Schnabels, das in Deutschland
seit 1987 erstmals wieder in großem Umfang zu sehen
sein wird.
Max Hollein, Direktor
der Schirn Kunsthalle und Kurator der Ausstellung: “Gerade
jetzt, wo wir Zeugen einer weit propagierten Renaissance der
zeitgenössischen Malerei werden, ist der richtige Zeitpunkt,
um einen neuen Blick auf die herausragende und eine jüngere
Künstlergeneration beeinflussende malerische Position
Julian Schnabels zu werfen. Die Retrospektive bietet die einzigartige
Möglichkeit, seine Arbeiten in ihrer Größe,
Materialität und Intensität im Original zu sehen
und damit das facettenreiche und beeindruckende Œuvre dieses
bedeutenden Malers der Gegenwart unmittelbar zu erleben.”
Der Name Julian Schnabel gilt als Synonym
für monumentale ausdrucksstarke Malerei. Ebenso vielfältig
wie die historischen Bezugspunkte des 1951 in Brooklyn, New
York, geborenen Künstlers ist auch das Spektrum seiner
stilistischen Mittel, Inhalte, Materialien und Symbole, die
sich in immer wieder neuen Werkgruppen manifestieren. Schnabel
hat sich von Beginn seiner Karriere an nicht in eine Stilrichtung
einordnen lassen. “Stil ist”, sagt Schnabel, “ein Nebeneffekt
der Intention. Ich glaube, man tut etwas auf eine bestimmte
Art - wie man zum Beispiel ein Hemd anzieht -, und im Umgang
mit den Materialien stellt man fest, dass sich mehrere Alternativen
ergeben. ‚Freiheit‘ bedeutet also, in vielen verschiedenen
Dingen Möglichkeiten zu sehen.”
Schnabel startete seine künstlerische
Karriere als Stipendiat des “Whitney Independent Study Program”,
einer der einflussreichsten Kaderschmieden für Künstler
und Kuratoren. Das Stipendium ermöglichte ihm 1973 die
Rückkehr aus Texas nach New York sowie die Bekanntschaft
mit vielen wichtigen Künstlern der damaligen New Yorker
Kunstszene, die von der Performance-, Concept- und Minimal
Art dominiert war. Zu diesen Eindrücken gesellte sich
die Auseinandersetzung mit der europäischen Malerei,
insbesondere der italienischen sakralen Freskomalerei Giottos
und Fra Angelicos, deren “Maßstab und spezifisches Gewicht”
Schnabel auf einer ausgedehnten Europareise 1976 als besonders
beeindruckend empfand.

Ende der 1970er Jahre entwickelte Schnabel
seine ersten großformatigen “Tellerbilder”, in denen
er die Bildfläche durch das Applizieren zerbrochener
Tellerscherben aufbrach und dadurch einen dynamischen Maluntergrund
schuf, der, so Schnabel, “eine Figuration wie eine Kreuzabnahme
oder Pieta aushielt, ohne dabei manieristisch zu sein”. Auf
einer solchen Oberfläche kraftvoll und expressiv Figurenbilder
zu malen, die bisweilen collagenhaft mit klassischen Themen
umgehen, schlug Betrachter und Kunstwelt in den Bann. Die
ersten Ausstellungen der “Tellerbilder” und Arbeiten mit Wachs
1979 in New York machten den damals knapp 30-jährigen
Schnabel in kürzester Zeit zu einem Superstar der Neuen
Malerei. Unmittelbar darauf folgten große Ausstellungen
seiner Werke im Stedelijk Museum in Amsterdam, in der Tate
Gallery und der Whitechapel Art Gallery in London, im Centre
Pompidou in Paris, in der Kunsthalle Düsseldorf, im Whitney
Museum of American Art in New York, im San Francisco Museum
of Modern Art und in anderen Häusern. Den Erfolg seiner
Arbeiten verbildlicht die überraschende Rückkehr
der Malerei als originäres künstlerisches Medium
in den 1980er Jahren.
Schnabel dazu: “Ich dachte, wenn Malerei
tot ist, dann ist es gerade richtig, mit dem Malen zu beginnen.
Die Leute haben so lange über den Tod der Malerei geredet,
nun sind die meistern von denen selbst tot.” Der Markt überschlug
sich vor Begeisterung, und die arrivierte Kritik spaltete
sich umgehend in zwei Lager. Feierten die einen die Wiederkehr
der Malerei und allen voran Schnabel als deren Galionsfigur,
sahen die anderen darin einen Rückschritt in längst
überholte, erschöpfte künstlerische Ausdrucksformen.
Mindestens zwei weitere “Tode” ist die Malerei in der Zwischenzeit
gestorben, erst vor kurzem wurde erneut ihre Wiedergeburt
gefeiert.
ORT: SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, D-60311
Frankfurt.
DAUER: 29. Januar 2004 - 25. April 2004. ÖFFNUNGSZEITEN:
Di., Fr.-So. 10-19 Uhr,
Mi. und Do. 10-22 Uhr. INFORMATION: www.schirn.de, E-Mail:
welcome@schirn.de,
Telefon: (+49-69) 29 98 82-0, Fax: (+49-69) 29 98 82-240.
EINTRITT: 7 , ermäßigt 5 .
KURATOR: Max Hollein.
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Schnabels Hang zu materialbestimmten
Oberflächen und seine Vorliebe für Objets trouvés
führten eine neue, spielerische Materialität in
die zeitgenössische Malerei ein, die deutlich im Gegensatz
zur Reduktion des Minimalismus stand. Schnabel arbeitet mit
Öl, Wachs, Emulsion, Gips und diversen Objekten und verwendet
als Malgrund Leinwand, Holz, Masonit, Scherben, Lumpen, Samt,
Musselin, Lastwagenplanen oder ornamentale und figurative
Drucke. Diese Materialien sind für Schnabel nicht neutral;
er nutzt vielmehr deren Vergangenheit, “um einen realen Ort
und eine reale Zeit in der ästhetischen Wirklichkeit
anzusiedeln”.

Sie sind Zeichen, Fragmente
der Geschichte, die unhierarchisch und ungeachtet ihrer verschiedenartigen
Beschaffenheit und Herkunft auf der Leinwand zusammenfinden
und in einem hohen Maß die sinnliche und taktile Erfahrung
seiner Werke ausmachen und ihnen skulpturalen Charakter verleihen.
Das Verbinden unterschiedlichster Stränge, figurativer
und abstrakter Motive sowie das Zusammenführen einander
im Grunde abstoßender Elemente sowohl im Materiellen,
Formalen, Inhaltlichen und in bisweilen rohen Farbkollisionen
geben den Arbeiten eine dissonante, fragmentarische Qualität.
Neben den unterschiedlichen Materialien trägt die Größe
der Arbeiten, die selten ein Mindestmaß von 2 x 2 Metern
unterschreiten und bis zu 5 x 8 Metern einnehmen, wesentlich
zu ihrer physischen Präsenz bei. Schnabels Arbeiten ordnen
sich dem Raum nie unter, sondern scheinen vom Raum Besitz
zu ergreifen und ihn zu transformieren.
So unvoreingenommen Schnabel
die unterschiedlichsten Materialien und großen Formate
handhabt, so frei geht er in der Wahl seiner Themen und Motive
vor. Schnabel reagiert auf sein unmittelbares Umfeld, die
spezifische Stimmung eines Ortes oder auf persönliche
Erlebnisse. Die Bildtitel und Texte in den Arbeiten funktionieren
häufig wie ein notizenhaftes Tagebuch des Künstlers,
der zwischen profanen Alltagserlebnissen und bedeutungsvollen
Ereignissen keinen Unterschied macht. So kann beispielsweise
die auf vorwiegend Rot-Weiß-Schwarz-Kontraste reduzierte
abstrakt-figurative Bildgruppe “Lola” den Namen seiner Tochter
tragen, ein sinnlich-pastoses Werk wie “Ozymandias” einen
autobiografischen Bezug zum gleichnamigen Gedicht des englischen
Romantikers Percy Bysshe Shelley herstellen oder ein erdiges
Scherbenbild wie “Mud in Mudanza” den profanen Schriftzug
“Mudanza” auf spanischen LKWs zum Titel erheben.
Namen bekannter
oder unbekannter Personen, torsohafte, spontan aufgenommene
Satzteile aus Wörtern und Buchstabensequenzen können
als integrale Bestandteile der Bilder zu kraftvollen Ikonen
und damit zu idealen Projektionsflächen für Emotionen
und Erinnerungen des Betrachters werden. Ein beeindruckendes
Beispiel dafür ist die “Recognitions-Serie”. In ihr wird
die Schrift, die sich bildfüllend vom groben Wachstuch-hintergrund
abhebt, zum bestimmenden Bildelement, das gleichermaßen
motivische wie abstrakte Qualität besitzt.
In den 1990er Jahren hat
Schnabel als Produzent, Drehbuchautor und Regisseur neben
seiner Beschäftigung mit Malerei zwei außerordentliche
Filme geschaffen. Sein Erstlingswerk “Basquiat” (1996) erzählt
aus einer sehr nahen Sicht vom Leben und Tod seines Freundes
und Malerkollegen Jean-Michel Basquiat. Sein zweiter Film
“Before Night Falls” widmet sich in teilweise berückend
schönen und berührend drastischen Bildern der Geschichte
des kubanischen Schriftstellers Reinaldo Arenas und wurde
2000 bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Preis der
Jury ausgezeichnet. “Before Night Falls” kommt zeitgleich
mit der Ausstellung am 29. Januar 2004 in die deutschen Kinos.

Trotz seiner Erfolge als
Filmemacher und seines mittlerweile großen bildhauerischen
Œuvres ist die Malerei stets Schnabels primäre künstlerische
Ausdrucksform geblieben. Seine Malerei verweigert sich nach
wie vor jeglicher Berechenbarkeit, nach wie vor gleicht keine
neue Werkgruppe der vorherigen. Seine Werke oszillieren zwischen
Abstraktion und Figuration, zwischen Grenzenlosigkeit und
Begrenztheit des Raumes, zwischen großer Emphase und
stiller Gelassenheit, kräftigen und zurückgenommenen
Farbpaletten, zwischen Detailreichtum und großer Geste.
Vielleicht bringt Schnabel es am besten auf den Punkt, indem
er sagt: “Ich möchte kein Logo, und ich habe keine Handschrift,
die mich erkennbar auszeichnet.”
AUSSTELLUNGSTATIONEN: Die Ausstellung “Julian
Schnabel - Malerei 1978-2003” wird nach ihrem Start in der
Schirn am Museo National Centro de Arte Reina Sofia in Madrid
(3. Juni - 13. September 2004) und bei der Mostra d’Oltramare
in Neapel (Oktober 2004 - Januar 2005) zu sehen sein.
KATALOG: “Julian Schnabel. Malerei 1978-2003”.
Hg. von Max Hollein. Mit einem Vorwort von Max Hollein. Essays
von Maria de Corral, Robert Fleck, Max Hollein, Ingrid Pfeiffer
und Kevin Power. Deutsch/englisch, ca. 176 Seiten mit ca.
170 Abbildungen, davon 70 farbig, ISBN 3-7757-1386-7, Hatje
Cantz Verlag, Ostfildern. 24,90 .
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