DAS LEBENDIGE MUSEUM:
Massimo Bartolini, Tania Bruguera,
Michael Elmgreen & Ingar Dragset, Jeppe Hein, Noritoshi
Hirakawa, Pierre Joseph, Johan Lorbeer, Paul McCarthy, Tobias
Rehberger, Gregor Schneider, Nedko Solakov, Sturtevant, Franz
West, Erwin Wurm
Featuring: Gilbert & George, Red Hot Chili Peppers, Dave
Stewart
"O berauschende Schönheit des lebendigen
Körpers, der nicht künstlich aus Ölfarben noch
aus Stein gemacht, sondern aus ewig sich wandelnder, ewig
belebter Materie geschaffen und durchpulst ist vom fiebrig
lodernden Geheimnis des Lebens und der Verwesung."
Thomas Mann, Der Zauberberg

the dancer can also bee seen on Youtube (frankfurtlounge) MMK-Ricke-Collection
So lebendig hat man ein Museum zuvor
noch nicht gesehen! Mitten auf einer Wand der zentralen Eingangshalle,
horizontal in den Raum geneigt, entgegen den Gesetzmäßigkeiten
der Erdanziehungskraft, steht in seiner gewöhnlichen
orangefarbenen Uniform und mit einem Besen in der Hand ein
Straßenreiniger.

Besucher kommen und gehen, treten in
persönlichen Kontakt mit Johan Lorbeers Proletarischem
Wandbild und werden im nächsten Moment vielleicht
schon von einem Museumswärter begrüßt. In
dessen sich demonstrativ langsam öffnender Hand liegt
schimmernd eine kostbare Perle, deren Schönheit er einzelnen
Besuchern zeigt, um sie gleich darauf wieder in seiner Hand
zu verbergen. Double Shell, so der Titel der Arbeit von
Massimo Bartolini, eint für einen kurzen intimen
Moment zwei Fremde Besucher und Wärter im Anblick eines
Geheimnisses.
Unweit dieser Begegnung wird der Besucher
Zeuge einer ganz besonderen Ausstellungseröffnung, die
Dave Stewart für seinen legendären Musikvideo-Clip
Heart of Stone eindrucksvoll inszeniert hat. Menschen
aller Couleur kommen und begrüßen sich, Champagner
wird gereicht, Gespräche werden begonnen und kurz darauf
wieder beendet, farbenprächtige Kunstwerke überall
im Raum flüchtig in Augenschein genommen; darunter auch
eine sich zunächst als statisches Kunstwerk tarnende
Musikband an den Wänden, die sich allerdings im nächsten
Moment ganz unerwartet als lebendig zu erkennen gibt.
Kurz darauf eine weitere Begegnung
der ganz besonderen Art: Inmitten des großen "Malersaals",
umringt von Inkunabeln der jüngeren Kunstgeschichte von
Roy Lichtenstein und Jasper Johns über Yves Klein und
Robert Ryman zu Fabian Marcaccio , sitzt Superman, den Kopf
auf den Arm gestützt und in tiefen Gedanken versunken.
Wie nach dem Sinn des Lebens suchend, vielleicht auch nach
dem Sinn der Kunst fragend, erweist sich hier in der Arbeit
von Pierre Joseph Superman nicht mehr als Held,
als den wir ihn kennen, sondern befreit von seinem mythisch
verklärten Dasein allein noch in seiner menschlichen
Dimension.
In einem anderen Raum, so dunkel, dass
man sich vorerst nicht hinein wagt, flammt plötzlich
gleißendes, das Auge blendendes Scheinwerferlicht auf
und zunächst nicht eindeutig identifizierbare Geräusche
werden hörbar. Stakkatoähnliche Schritte von Menschen
sowie das permanente Durchladen und Klicken von Waffen lösen
ein Gefühl körperlicher Bedrängnis und Bedrohung
aus. Was eben noch so fern schien, rückt einem direkt
auf den Leib. In Tania Brugueras Installation steht man inmitten
eines "gewalttätigen" Szenarios, hin und her
geworfen zwischen Helligkeit und Dunkelheit, zwischen realer
und künstlerischer Wirklichkeit.
Weiter geht es zu Nedko Solakovs
raumgreifender Installation Ein Leben (Schwarz
und Weiß), in der zwei Personen permanent die vier Wände
des Raumes streichen. Der eine malt die Wände weiß,
der andere schwarz, und jeder überdeckt immer wieder
die vorangegangene Farbschicht seines Kollegen. Eine an sich
unsinnige Tätigkeit wird zu einer eindrücklichen
malerischen Metapher des Lebenslaufes. Die Arbeit Ongoing
von Michael Elmgreen & Ingar Dragset lenkt dagegen die
Aufmerksamkeit des Besuchers auf eine andere sisyphosartige
Tätigkeit: Dort sind es sechs Männer, die um einen
großen runden Tisch mit sechs Spülbecken stehen
und ohne Unterlass Teller reinigen, die sie gegen den Uhrzeigersinn
weiterreichen.
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Vielleicht begegnet man gleich darauf
schon einer jungen Frau, die Tag für Tag im Ausstellungsraum
sitzt, den biologischen Kreislauf von Werden und Vergehen thematisiert
und "es" einfach zeigt (The home-coming of navel strings
von Noritoshi Hirakawa). Und zum Schluss findet man schließlich
Platz auf den Sitzbänken von Jeppe Hein, die unvermutet
ein Eigenleben entwickeln und sich in Bewegung setzen.
Zusammen mit den Erwerbungen von Nedko
Solakovs Ein Leben (Schwarz und Weiß) und der documenta-Arbeit
von Tania Bruguera Untitled (Kassel) für die Sammlung des
MMK präsentiert "Das lebendige Museum" insgesamt
15 Arbeiten, in die auf unterschiedliche Weise lebende Personen
involviert sind. Hier wird die Frage gestellt, inwieweit sich
die Rezeption von Kunst und die Vorstellung von "Museum"
verändert, in dem Moment, da die Kunstwerke tatsächlich
"lebendig" und die herkömmlichen Erwartungshaltungen
gegenüber dem Kunstwerk hinterfragt und um neue Dimensionen
erweitert werden. Alle Arbeiten verteilen sich über das
gesamte Museum und entfalten ein offenes Feld aus nachhaltigen
Verweisen und Bezügen zu der Sammlung des MMK.

Die Arbeit an der Idee des Museums geht
weiter. Was im Herbst letzten Jahres unter dem Titel "Das
Museum, die Sammlung, der Direktor und seine Liebschaften"
begann, erhält mit dem zweiten Ausstellungsprojekt "Das
lebendige Museum" eine weitere Facette vor dem Hintergrund
der aktuellen Auseinandersetzung mit der Vorstellung und dem
Begriff von "Museum". Thematisierte die Neupräsentation
des MMK im Herbst 2002 das Museum als Ort des Bewahrens und
der Reflexion und als Gegenpol zu den flüchtigen Massenmedien
und Events, beabsichtigt "Das lebendige Museum" den
mit dieser Institution stets einhergehenden Ausdruck "museal"
aufzugreifen. Dahinter steht die allgemeine Vorstellung, dass
Exponate im Museum nicht mehr "lebendig", sondern
genau das Gegenteil davon, nämlich "tot" sind.
Das Wort "museal", so schon sinngemäß bei
ValÈry, Proust oder auch Adorno, bezeichnet Gegenstände,
zu denen der Betrachter nicht mehr lebendig sich verhältì,
und sie mehr aus historischer Rücksicht als aus einem gegenwärtigen
Bedürfnis aufbewahrt werden. Auch das Kunstwerk selbst
kann subjektiv als "tot" empfunden werden, fällt
diesem doch gerade im musealen Kontext eine passive Rolle in
seiner Beziehung zum Betrachter zu. Das Kunstwerk wird eher
als statischer denn als dynamischer "Gegenstand" bewertet
- ruhend auf Podesten, starr verharrend an Wänden hängend
oder unbeweglich im Raum platziert.
In dieser Ausstellung stellt sich das
Kunstwerk nicht mehr als ein "vergangenes" dar, nicht
mehr als eine zum "Bild" gefrorene Erfahrung und Erkenntnis,
sondern als ganz gegenwärtig: es ist lebendig, instabil
und situativ. Es kommt zur "Aufführung", jedoch
ganz anders als in den darstellenden Künsten und an deren
bevorzugtem Ort, dem Theater. Anders auch als bei der so genannten
Performance-Kunst hebt sich nicht der Vorhang, um sich gleich
wieder zu schließen. "
Das lebendige Museum"
überführt mit der sechswöchigen Präsentation
der Arbeiten deren augenblickshaften Charakter entsprechend
ihrer künstlerischen Intention in einen lang anhaltenden
Zustand der Dauer (6 Wochen, von morgens bis abends, 6 Tage
die Woche!). Die "performativen Installationen" sind
das inszenierende Aufführen theatraler, mitunter ritueller
Handlungen. Sie sind materielle Verkörperungen eines "lebenden"
Kunstwerkes. Und weil man es mit Menschen zu tun hat, verlangt
diese Ausstellung nach veränderten Strukturen sowohl in
logistischer wie organisatorischer Hinsicht. "Das lebendige
Museum" begibt sich auf Neuland und unterstreicht damit
die Funktion des Museums als Ort der Begegnung und der Anstiftung
zur Diskussion, als Ort der Reflexion und Vision.
Leider hat die Museumsaufsicht den
Gedanken des lebendigen Museums
nicht verinnerlicht.Sie agieren schroff und
ungehalten, wenn man hinter eine unsichtbare Linie tritt, die
nur sie zu kennen scheinen.Vielleicht wäre es hier und
gerade bei diesem hohen Anspruch erforderlich gewesen, ihnen
zu verdeutlichen, daß es sich nicht um eine
alltägliche Ausstellung handelt.
Während der Ausstellung "Das
Lebendige Museum" werden zusätzlich spezielle Einführungen
angeboten. Jeweils am Dienstag, Donnerstag und Freitag 11.30
und 13.00 Uhr
Mittwoch 14.00 und 15.30 Uhr
Samstags und Sonntags 12.30 und 14.00 Uhr haben Sie Gelegenheit
einzelne Arbeiten zu diskutieren.
In der dritten Ausstellungswoche erscheint
ein Katalog mit Abbildungen sämtlicher Kunstwerke und einem
einleitenden Text von Udo Kittelmann. Broschiert, ca. 96 Seiten,
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern.
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