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HENRI MATISSE

"MIT DER SCHERE ZEICHNEN"
MEISTERWERKE DER LETZTEN JAHRE

20. Dezember 2002 - 2. März 2003

     
 

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Die SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT präsentierte in einer umfassenden Zusammenstellung das wegweisende Spätwerk von Henri Matisse. Die Papiers Découpés, an denen Matisse seit den 1940er Jahren bis zu seinem Tod 1954 intensiv gearbeitet hat, gelten als Erfüllung seines künstlerischen Traumes: der Synthese von Linie und Farbe. Die von Olivier Berggruen kuratierte Ausstellung zeigt anhand von über 70 internationalen Leihgaben aus den wichtigsten öffentlichen und privaten Sammlungen in den USA, Asien, Südamerika und Europa das gesamte Spektrum der Scherenschnitte, vom frühen Buch “Jazz” bis zu den wandfüllenden Arbeiten der letzten Jahre.

Matisse Ausstellung Schirn Kunsthalle 2002

Die weltberühmten Werke dokumentieren Matisse’s tiefe Verbundenheit mit den Formen der Natur, seine Freude am Ornament sowie die Erinnerung an das intensiv erlebte Paradies ozeanischer Fauna und Flora. Die Ausstellung entführt den Besucher in die sinnliche Welt dieser einzigartigen Kompositionen des großen Meisters der Moderne. Die emotionale Wirkung der Farben sowie die reduzierte, ornamentale und flächenhafte Ausdrucksform treffen sich heute mit einem neu erwachten Interesse an der Betonung der Oberfläche in der zeitgenössischen Kunst. Insofern spiegelt die Ausstellung nicht nur die synergetische Kraft der Arbeiten von Matisse, sondern auch deren uneingeschränkte Aktualität wider.

Max Hollein, Direktor der Schirn: “Diese Ausstellung ist ein lang gehegter Traum, der nun in Erfüllung geht. Dank der großzügigen Unterstützung durch Leihgeber aus aller Welt vereint sie erstmals in Europa in diesem Umfang Hauptwerke aus allen Phasen der Scherenschnitte und gibt somit einen weitreichenden Einblick in das Spätwerk von Matisse.” Oliver Berggruen, Kurator der Ausstellung: “Matisse hat die Papiers Découpés als Quintessenz seines künstlerischen Schaffens bezeichnet. Zu Lebzeiten des Meisters wenig beachtet, zählen sie heute zu den kostbarsten Werken der klassischen Moderne.”

Perfektion der Komposition, ornamentale Essenz sowie Reduktion von Form und Farbe spiegeln sich in allen Werken wider, deren Dimensionen von kleinen, kraftvollen und farbintensiven Blättern über große, wandfüllende Arbeiten wie etwa die 340 x 785 cm große Arbeit “Der Papagei und die Meerjungfrau” aus dem Stedelijk Museum in Amsterdam bis zu den Entwürfen für das Gesamtkunstwerk der Kapelle in Vence reichen. Neben Institutionen wie dem Museum of Modern Art in New York, der National Gallery of Art in Washington, dem Centre Georges Pompidou, Paris, den Museen des Vatikans, der Sammlung Berggruen (Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz), der Menil Collection Houston oder dem Ikeda Museum of 20th Century Art in Japan haben zahlreiche private Sammler diese fragilen Papierarbeiten für den Zeitraum der Ausstellung zur Verfügung gestellt - viele davon waren seit langem nicht mehr der Öffentlichkeit zugänglich.

Ausstellungen wie diese können angesichts ihres großen finanziellen Aufwands nur in Kooperation mit Sponsoren realisiert werden. Prof. Dr. Harald Wiedmann, Sprecher des Vorstandes von KPMG: “Kultur braucht neben der Unterstützung durch die öffentliche Hand verstärkt Partner aus der Wirtschaft. Wir freuen uns, als ein Hauptsponsor einen Beitrag dazu leisten zu können, dass möglichst viele Menschen die künstlerische Kraft und Schönheit dieser Arbeiten von Matisse auf sich wirken lassen können.” Hartmuth A. Jung, Sprecher des Vorstandes der UBS Warburg AG Frankfurt: “Selbst in schwierigen persönlichen Situationen hat Matisse sein Werk unbeirrt weiterentwickelt. Heute zählt es zu den Meilensteinen der klassischen Moderne. Wir freuen uns, diese Ausstellung, die einen umfassenden Einblick in das Spätwerk von Henri Matisse gibt, als ein Hauptsponsor zu unterstützen.”

Die berühmte Werkgruppe der Papiers Découpés markiert den Endpunkt einer künstlerischen Entwicklung von enormer Spannweite und eines langen kreativen Lebens. Henri Matisse, 1869 in Le Cateau-Cambrésis in Nordfrankreich geboren, begann seine Laufbahn zunächst als Student der Rechtswissenschaften und Angestellter einer Anwaltskanzlei. Seine Liebe zur Malerei entdeckte er mit 21 während der Genesung von einer schweren Krankheit. Zwei Jahre später, 1892, gab er seine Karriere als Rechtsanwalt auf und besuchte die Klasse von Gustave Moreau an der Ecole des Beaux-Arts.

Beeindruckt von den Werken von Paul Cézanne, Claude Monet, Vincent van Gogh und William Turner sowie von Camille Pissaro, Maurice Vlaminck und André Derain fand Matisse 1905 schließlich zu seinem eigenen Stil - charakterisiert von kühnen, kräftigen Farben, die mit raschem Pinselstrich auf die Leinwand gebracht wurden. Als einer der Hauptvertreter der “Fauves”, der Pariser “Wilden”, wurde Matisse als Avantgardist gefeiert und angefeindet. Zwanzig Jahre später, als das Revolutionäre der avantgardistischen Bewegungen fast zur Tagesordnung gehörte, galt Matisse vielen als Traditionalist, im zustimmenden wie im ablehnenden Sinn.

Matisse selbst sprach von einer kontinuierlichen Entwicklung seines Werks. Nicht nur motivisch, sondern vor allem bezüglich der Farben sah er in seiner fauvistischen Periode die Grundlagen gelegt, die ab den 1940er Jahren in den Papiers Découpés zu der charakteristischen Palette aus klaren, leuchtenden und meist wenig gemischten Farben führten: “Es besteht keine Kluft zwischen meinen früheren Bildern und meinen Scherenschnitten. Ich habe lediglich durch größere Absolutheit und durch größere Abstraktion eine auf das Wesentliche reduzierte Form erreicht”, schrieb Matisse 1952 zwei Jahre vor seinem Tod rückblickend über seine ersten Versuche mit der neuen Technik.

Matisse hat die Scherenschnitte zunächst als Hilfsmittel eingesetzt, um Flächen besser planen zu können.

In einer schwierigen Phase seines Lebens während des Zweiten Weltkrieges - seine Frau und Tochter waren wegen Mitgliedschaft in der Résistance verhaftet worden, und er war wegen einer schweren Krankheit ans Bett gefesselt - ließ er seine Assistenten große Papierbahnen mit sehr leuchtenden Gouachefarben bemalen, schnitt dann frei mit der Schere Formen aus und ordnete diese anschließend zu bestimmten Mustern und Kompositionen an. Diese wurden dann auf den Papieruntergrund aufgeklebt und in einigen Fällen später auf Leinwand aufgezogen. Damit änderte Matisse nicht nur die Technik, sondern auch das komplette Verfahren der Entstehung seiner Kunstwerke: Spontaneität, Planung, Komposition - all diese Elemente, die schon in der Malerei vorhanden waren, mussten jetzt in anderer Form und Reihenfolge und mithilfe von Assistenten ausgeführt werden.

interessant: http://www.next.cc/shape_c.htm

Viele historische Fotos, die in Ausstellung und Katalog zu sehen sind, zeigen Matisse in seinen letzten Lebensjahren im Sessel oder sogar im Rollstuhl in seinem Atelier sitzend, konzentriert arbeitend und von ausgeschnittenen Papieren umgeben, die zum Teil wie “environments” die Wände bedeckten.

Ausgangspunkt der Ausstellung sind der erste eigenständige Scherenschnitt von 1936, das Deckblatt der Zeitschrift Cahiers d’Art, sowie das für das Verständnis der Scherenschnitte zentrale, von dem Verleger Tériade herausgegebene Buch “Jazz” von 1943/44, das erst 1947 erschien. In den folgenden Jahren entwickelte Matisse große Serien von floralen und biomorphen Kompositionen, in denen vor allem das “Algen”-Motiv - das auch ein Akanthusblatt sein kann - stellvertretend für Wachstum und Entwicklung oder auch Metamorphose steht.

Natur tritt hier als zeichenhafte Metapher auf, so auch etwa in der Serie “Ozeanien, der Himmel” und “Ozeanien, das Meer”, in denen Matisse 1946 seine tief greifende Erinnerung an eine frühere Reise nach Tahiti verarbeitete. Wie auf einer Tapete wurden zeichenhafte Elemente für die Flora und Fauna der Südsee - man erkennt Vögel, Korallen und Fische - direkt auf der Atelierwand befestigt, bevor man die beiden Entwürfe später in einer limitierten Reihe von Siebdrucken auf Leinen vervielfältigte.

Wenn auch viele Scherenschnitte als Entwürfe für andere Medien wie Glasfenster, Keramiken, Stoffe, Buchumschläge oder Plakate geplant waren, wurden jedoch nur einige auch darin umgesetzt. Matisse's lebenslanges, großes Interesse an der Kunst des Orients, in der eine Wandkeramik den gleichen künstlerischen Wert besitzen kann wie ein Gemälde, und sein in der französischen Tradition begründetes positives Verständnis des “Dekorativen” sind wichtige Voraussetzungen zum Verständnis der Scherenschnitte.

Zwei mehr als fünf Meter hohe Glasfensterentwürfe in der Ausstellung verweisen auf Matisse’ Gestaltung der berühmten Chapelle de Rosaire in Vence von 1949 bis 1951, in der er nicht nur, wie zu Beginn vorgesehen, die Fenster entwarf, sondern den gesamten Innenraum in ein Gesamtkunstwerk verwandelte. “Bei der Kapelle war mein Hauptanliegen, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen einer Fläche von Licht und Farbe und einer einfachen weißen Wand mit schwarzen Zeichnungen ... Diese Kapelle ist für mich die Erfüllung eines ganzen arbeitsrei-
chen Lebens."

Matisse Ausstellung Schirn 2002

 

 

 

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