Die SCHIRN
KUNSTHALLE FRANKFURT präsentierte
in einer umfassenden Zusammenstellung das wegweisende Spätwerk
von Henri Matisse. Die Papiers Découpés, an denen Matisse
seit den 1940er Jahren bis zu seinem Tod 1954 intensiv gearbeitet
hat, gelten als Erfüllung seines künstlerischen Traumes:
der Synthese von Linie und Farbe. Die von Olivier Berggruen kuratierte
Ausstellung zeigt anhand von über 70 internationalen Leihgaben
aus den wichtigsten öffentlichen und privaten Sammlungen in den
USA, Asien, Südamerika und Europa das gesamte Spektrum der Scherenschnitte,
vom frühen Buch Jazz bis zu den wandfüllenden
Arbeiten der letzten Jahre.
Die weltberühmten Werke dokumentieren
Matisses tiefe Verbundenheit mit den Formen der Natur, seine
Freude am Ornament sowie die Erinnerung an das intensiv erlebte Paradies
ozeanischer Fauna und Flora. Die Ausstellung entführt den Besucher
in die sinnliche Welt dieser einzigartigen Kompositionen des großen
Meisters der Moderne. Die emotionale Wirkung der Farben sowie die
reduzierte, ornamentale und flächenhafte Ausdrucksform treffen
sich heute mit einem neu erwachten Interesse an der Betonung der Oberfläche
in der zeitgenössischen Kunst. Insofern spiegelt die Ausstellung
nicht nur die synergetische Kraft der Arbeiten von Matisse, sondern
auch deren uneingeschränkte Aktualität wider.
Max Hollein, Direktor der Schirn:
Diese Ausstellung ist ein lang gehegter Traum, der nun in Erfüllung
geht. Dank der großzügigen Unterstützung durch Leihgeber
aus aller Welt vereint sie erstmals in Europa in diesem Umfang Hauptwerke
aus allen Phasen der Scherenschnitte und gibt somit einen weitreichenden
Einblick in das Spätwerk von Matisse. Oliver Berggruen,
Kurator der Ausstellung: Matisse hat die Papiers Découpés
als Quintessenz seines künstlerischen Schaffens bezeichnet. Zu
Lebzeiten des Meisters wenig beachtet, zählen sie heute zu den
kostbarsten Werken der klassischen Moderne.
Perfektion der Komposition, ornamentale Essenz
sowie Reduktion von Form und Farbe spiegeln sich in allen Werken wider,
deren Dimensionen von kleinen, kraftvollen und farbintensiven Blättern
über große, wandfüllende Arbeiten wie etwa die 340
x 785 cm große Arbeit Der Papagei und die Meerjungfrau
aus dem Stedelijk Museum in Amsterdam bis zu den Entwürfen für
das Gesamtkunstwerk der Kapelle in Vence reichen. Neben Institutionen
wie dem Museum of Modern Art in New York, der National Gallery of
Art in Washington, dem Centre Georges Pompidou, Paris, den Museen
des Vatikans, der Sammlung Berggruen (Staatliche Museen zu Berlin
- Preußischer Kulturbesitz), der Menil Collection Houston oder
dem Ikeda Museum of 20th Century Art in Japan haben zahlreiche private
Sammler diese fragilen Papierarbeiten für den Zeitraum der Ausstellung
zur Verfügung gestellt - viele davon waren seit langem nicht
mehr der Öffentlichkeit zugänglich.
Ausstellungen wie diese können angesichts
ihres großen finanziellen Aufwands nur in Kooperation mit Sponsoren
realisiert werden. Prof. Dr. Harald Wiedmann, Sprecher des Vorstandes
von KPMG: Kultur braucht neben der Unterstützung durch
die öffentliche Hand verstärkt Partner aus der Wirtschaft.
Wir freuen uns, als ein Hauptsponsor einen Beitrag dazu leisten zu
können, dass möglichst viele Menschen die künstlerische
Kraft und Schönheit dieser Arbeiten von Matisse auf sich wirken
lassen können. Hartmuth A. Jung, Sprecher des Vorstandes
der UBS Warburg AG Frankfurt: Selbst in schwierigen persönlichen
Situationen hat Matisse sein Werk unbeirrt weiterentwickelt. Heute
zählt es zu den Meilensteinen der klassischen Moderne. Wir freuen
uns, diese Ausstellung, die einen umfassenden Einblick in das Spätwerk
von Henri Matisse gibt, als ein Hauptsponsor zu unterstützen.
Die berühmte Werkgruppe der Papiers Découpés
markiert den Endpunkt einer künstlerischen Entwicklung von enormer
Spannweite und eines langen kreativen Lebens. Henri Matisse, 1869
in Le Cateau-Cambrésis in Nordfrankreich geboren, begann seine
Laufbahn zunächst als Student der Rechtswissenschaften und Angestellter
einer Anwaltskanzlei. Seine Liebe zur Malerei entdeckte er mit 21
während der Genesung von einer schweren Krankheit. Zwei Jahre
später, 1892, gab er seine Karriere als Rechtsanwalt auf und
besuchte die Klasse von Gustave Moreau an der Ecole des Beaux-Arts.
Beeindruckt von den Werken von Paul Cézanne, Claude Monet,
Vincent van Gogh und William Turner sowie von Camille Pissaro, Maurice
Vlaminck und André Derain fand Matisse 1905 schließlich
zu seinem eigenen Stil - charakterisiert von kühnen, kräftigen
Farben, die mit raschem Pinselstrich auf die Leinwand gebracht wurden.
Als einer der Hauptvertreter der Fauves, der Pariser Wilden,
wurde Matisse als Avantgardist gefeiert und angefeindet. Zwanzig Jahre
später, als das Revolutionäre der avantgardistischen Bewegungen
fast zur Tagesordnung gehörte, galt Matisse vielen als Traditionalist,
im zustimmenden wie im ablehnenden Sinn.
Matisse selbst sprach von einer
kontinuierlichen Entwicklung seines Werks. Nicht nur motivisch, sondern
vor allem bezüglich der Farben sah er in seiner fauvistischen
Periode die Grundlagen gelegt, die ab den 1940er Jahren in den Papiers
Découpés zu der charakteristischen Palette aus klaren,
leuchtenden und meist wenig gemischten Farben führten: Es
besteht keine Kluft zwischen meinen früheren Bildern und meinen
Scherenschnitten. Ich habe lediglich durch größere Absolutheit
und durch größere Abstraktion eine auf das Wesentliche
reduzierte Form erreicht, schrieb Matisse 1952 zwei Jahre vor
seinem Tod rückblickend über seine ersten Versuche mit der
neuen Technik.
Matisse hat die Scherenschnitte zunächst als
Hilfsmittel eingesetzt, um Flächen besser planen zu können.
In einer schwierigen Phase seines Lebens während des Zweiten
Weltkrieges - seine Frau und Tochter waren wegen Mitgliedschaft in
der Résistance verhaftet worden, und er war wegen einer schweren
Krankheit ans Bett gefesselt - ließ er seine Assistenten große
Papierbahnen mit sehr leuchtenden Gouachefarben bemalen, schnitt dann
frei mit der Schere Formen aus und ordnete diese anschließend
zu bestimmten Mustern und Kompositionen an. Diese wurden dann auf
den Papieruntergrund aufgeklebt und in einigen Fällen später
auf Leinwand aufgezogen. Damit änderte Matisse nicht nur die
Technik, sondern auch das komplette Verfahren der Entstehung seiner
Kunstwerke: Spontaneität, Planung, Komposition - all diese Elemente,
die schon in der Malerei vorhanden waren, mussten jetzt in anderer
Form und Reihenfolge und mithilfe von Assistenten ausgeführt
werden.
interessant: http://www.next.cc/shape_c.htm
Viele historische Fotos, die in
Ausstellung und Katalog zu sehen sind, zeigen Matisse in seinen letzten
Lebensjahren im Sessel oder sogar im Rollstuhl in seinem Atelier sitzend,
konzentriert arbeitend und von ausgeschnittenen Papieren umgeben,
die zum Teil wie environments die Wände bedeckten.
Ausgangspunkt der Ausstellung sind
der erste eigenständige Scherenschnitt von 1936, das Deckblatt
der Zeitschrift Cahiers dArt, sowie das für das Verständnis
der Scherenschnitte zentrale, von dem Verleger Tériade herausgegebene
Buch Jazz von 1943/44, das erst 1947 erschien. In den
folgenden Jahren entwickelte Matisse große Serien von floralen
und biomorphen Kompositionen, in denen vor allem das Algen-Motiv
- das auch ein Akanthusblatt sein kann - stellvertretend für
Wachstum und Entwicklung oder auch Metamorphose steht.
Natur tritt
hier als zeichenhafte Metapher auf, so auch etwa in der Serie Ozeanien,
der Himmel und Ozeanien, das Meer, in denen Matisse
1946 seine tief greifende Erinnerung an eine frühere Reise nach
Tahiti verarbeitete. Wie auf einer Tapete wurden zeichenhafte Elemente
für die Flora und Fauna der Südsee - man erkennt Vögel,
Korallen und Fische - direkt auf der Atelierwand befestigt, bevor
man die beiden Entwürfe später in einer limitierten Reihe
von Siebdrucken auf Leinen vervielfältigte.
Wenn auch viele Scherenschnitte als Entwürfe
für andere Medien wie Glasfenster, Keramiken, Stoffe, Buchumschläge
oder Plakate geplant waren, wurden jedoch nur einige auch darin umgesetzt.
Matisse's lebenslanges, großes Interesse an der Kunst des Orients,
in der eine Wandkeramik den gleichen künstlerischen Wert besitzen
kann wie ein Gemälde, und sein in der französischen Tradition
begründetes positives Verständnis des Dekorativen
sind wichtige Voraussetzungen zum Verständnis der Scherenschnitte.
Zwei mehr als fünf Meter hohe Glasfensterentwürfe in der
Ausstellung verweisen auf Matisse Gestaltung der berühmten
Chapelle de Rosaire in Vence von 1949 bis 1951, in der er nicht nur,
wie zu Beginn vorgesehen, die Fenster entwarf, sondern den gesamten
Innenraum in ein Gesamtkunstwerk verwandelte. Bei der Kapelle
war mein Hauptanliegen, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen einer
Fläche von Licht und Farbe und einer einfachen weißen Wand
mit schwarzen Zeichnungen ... Diese Kapelle ist für mich die
Erfüllung eines ganzen arbeitsrei-
chen Lebens."

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