Die bunte Welt des Konsums, die unermüdlich neue Sehnsüchte,
Versprechungen und Verlockungen produziert, ist zu einem bestimmenden
Element unseres Lebens geworden.
Shopping ist öffentliches
Ritual, Freizeitbeschäftigung, Lustgewinn, Unterhaltung und
spiegelt somit die Kultur und Werte der Konsumgesellschaft wider.
Die Ausstellung "SHOPPING", die vom 28. September bis
01. Dezember 2002 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu sehen sein
wird, dokumentiert 100 Jahre Faszination, Wechselwirkung und Annäherung
von bildender Kunst an die Ästhetik, Strategien und Verführungstechniken
der Konsumkultur.
"SHOPPING" zeigt über 70 künstlerische Positionen,
darunter Arbeiten von Eugène Atget, Man Ray, Marcel Duchamp,
Gerhard Richter, Claes Oldenburg, Andy Warhol, Roy Lichtenstein,
Christo, Joseph Beuys, Andreas Gursky und Jeff Koons. Neben zahlreichen
Leihgaben aus internationalen Museen und Privatsammlungen sowie
raumfüllenden Installationen von Damien Hirst und Sylvie Fleury
oder der Rekonstruktion der legendären Pop-Art-Ausstellung
"American Supermarket" haben die Künstler Haim Steinbach,
Barbara Kruger, Ben Vautier, Olaf Nicolai, Guillaume Bijl und Surasi
Kusolwong eigens Werke für "SHOPPING" geschaffen.
Die Ausstellung wird von Max Hollein, Direktor der Schirn Kunsthalle
Frankfurt, und Christoph Grunenberg, Direktor der TATE Liverpool,
kuratiert und ist eine Kooperation der Schirn Kunsthalle Frankfurt
mit der TATE Liverpool.
Bellon - Salvadore Dali and his Mannequin, 1938
Den Auftakt zu "SHOPPING"
bilden Eugène Atgets Fotografien der Pariser Schaufenster
sowie Arbeiten von Berenice Abbott und Walker Evans, die einen authentischenEindruck
der Warenpräsentation und des Lebensgefühls am Anfang
des Jahrhunderts geben.

Eugene Atget, Pariser Schaufenster
Einer der ersten Künstler,
der den Schritt von der Dokumentation zur
Gestaltung vollzieht, ist Friedrich Kiesler mit seinen fundamentalen
Studien zur Dekoration von Schaufenstern. Der Surrealismus spielt
mit der suggestiven
Verführungskraft der Schaufensterpuppe, das Bauhaus setzt sich
mit neuen Präsentationsformen von industriellen Produkten auseinander.
Nach dem Zweiten Weltkrieg öffnet sich die Pop-Art der Alltagskultur
und Konsumwelt. Objekte des täglichen Gebrauchs werden isoliert,
vergrößert oder verfremdet, parodiert und fetischisiert.
Andy Warhols Brillo-Schachteln imitieren durch Aneinanderreihung
und Wiederholung sowohl die Massenherstellung als auch die Illusion
des grenzenlosen Überflusses. Wie nie zuvor reflektiert die
Pop-Art Elemente der Alltagskultur als stilbildende, identitätsstiftende
Ikonen unserer Gesellschaft.

Silvie Fleury, Pleasure
Viele Künstler dieser Zeit
nahmen 1964 an der Ausstellung "The American Supermarket"
in der Bianchini Gallery in New York teil. Zu sehen und zu kaufen
gab es Andy Warhols "Campbells Soup", "Kelloggs
Corn Flakes", "Motts Apple Juice Boxes", Roy
Lichtensteins "Turkey", Jasper Johns "Ale Cans"
und eine ganze Reihe anderer Arbeiten. Diese legendäre Präsentation
von Pop-Art in einer stilisierten Supermarktumgebung wird für
die Ausstellung rekonstruiert.
Ebenso zeigt "SHOPPING" Elemente
von Claes Oldenburgs "Store" von 1961, in dem der Künstler
selbst gefertigte Erzeugnisse wie etwa Hamburger, Hemden und Schuhe
aus bemaltem Papiermaché und Gips zum Verkauf anbot. Während
die Pop-Art die Konsumkultur umarmte und Kunst für ein Massenpublikum
schaffen wollte, etablierten die Fluxus-Künstler ein internationales
Netz von Flux-Läden mit dem Ziel, Kunst zu entkommerzialisieren
und das kapitalistische System mit ihren verspielten, zweckfreien
Produkten zu unterlaufen und sich dessen Distributionssysteme zunutze
zu machen.

Barbara Kruger " I shop, therefore..."
Haim Steinbach, Jeff Koons und Barbara Kruger
nähern sich der Beziehung zwischen Kunst und Konsumwelt ab
den 70er und 80er Jahren ebenfalls in unvermittelter, bisweilen
ironischer Weise. Von Jeff Koons zeigt "SHOPPING" Arbeiten
aus der berühmten Serie "The New", in der er massenproduzierten
Staubsaugermodellen der Firma "Hoover" mithilfe von Plastikglasumhüllungen
und Neonlicht die Aura des ewig Begehrenswerten gibt.
Jeff Koons, Hoover Staubsauger
Haim Steinbach thematisiert in seiner eigens
für "SHOPPING" geschaffenen Arbeit, die aus 50 entlang
der 80 Meter langen Fensterfront der Schirn-Ausstellungshalle platzierten
Schaufensterpuppen besteht, die Strategie und Ästhetik der
Modepräsentation von großen Warenhäusern.
Die amerikanische
Künstlerin Barbara Kruger, die mit dem Werk "I shop therefore
I am" eine Ikone zu diesem Thema geschaffen hat, greift mit
ihrer für "SHOPPING" entwickelten Arbeit ebenfalls
in den öffentlichen Raum ein.
Von der Fassade der Galeria Kaufhof Frankfurt
lässt sie auf einer Fläche von 2200 m2 ein riesiges Augenpaar
mit dem Schriftzug "Du liebst es, du träumst es, du brauchst
es, du kaufst es, du vergisst es" auf die Passanten der Zeil,eine
der umsatzstärksten Shopping-Meilen Deutschlands, blicken.
Zu den großen Inszenierern inmitten
der Kunstwelt zählen Sylvie Fleury, Guillaume Bijl und Damien
Hirst. Der Bogen spannt sich von Fleurys vergoldetem Einkaufswagen
als Symbol des grenzenlosen Konsums über den realitätsgetreu
eingerichteten zeitgenössischen Supermarkt von Guillaume Bijl
bis zu Damien Hirsts "Pharmacy", die auf die Verwundbarkeit
des Körpers wie auf dessen Rolle als Design- und Statusobjekt
des konsumorientierten Menschen anspielt, oder Andreas Gurskys analytischem
Blick auf den kühlen Glamour der Prada-Stores.
Silvie Fleury - Goldener SupermarktEinkaufswagen,
2000
Die Methoden und Special Effects des modernen
Shoppings das Endlose, Exzessive, der Überfluss, die
Feuerwerke der Farben und Formen, die Betonung der Oberfläche
und die leichte Dekodierbarkeit finden in ihrer Systematik, Schönheit
und Suggestionskraft nicht nur in unserer Mediengesellschaft Widerhall,
sondern auch in der Kunst der Zeit. Die Explosion und Aktualität
des Themas äußert sich nicht zuletzt in der Tatsache,
dass die Werke einer großen Anzahl von zeitgenössischen
Künstlern wie Mauricio Cattelan, Wolfgang Tillmans, Roy Arden,
Lisa Ruyter oder Miwa Yanagi um Shopping kreisen.
Wie Shoppingkultur, Architektur und urbane
Strukturen einander bestimmen, thematisiert eine in der Ausstellung
gezeigte grafische Analyse von Sze Tsung Leong, die im Rahmen des
von Rem Koolhaas mitherausgegebenen "Harvard Design School
Guide to Shopping" erarbeitet wurde. Sie zeigt, dass Shopping
zu einem bestimmenden Element der modernen Städte und in vielen
Fällen zum Grund für deren Existenz geworden ist. Damit
scheint Shopping endgültig zu einer wesentlichen gesellschafts-
und identitätsbildenden Kraft der Konsumgesellschaft aufgestiegen
zu sein.
KATALOG: "SHOPPING". Hg. von Christoph Grunenberg und
Max Hollein. Mit Beiträgen von Chantal Béret, Rachel
Bowlby, Anne Friedberg, Thomas Girst, Boris Groys, Christoph Grunenberg,
K. Michael Hays, Martin Hentschel, Max Hollein, Thomas Kellein,
Eva Kraus, Michael Lüthy, Ingrid Pfeiffer, Rolf Quaghebeur,
Julian Stallabrass, Katharina Sykora, Mark C. Taylor. Deutsche und
englische Ausgabe. Ca. 256 Seiten, ca. 200 Farbabb., ISBN: 3-7757-1213-5
(deutsch) , ISBN: 3-7757-1214-3 (englisch).
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit. € 39,99.
KÜNSTLERLISTE: Berenice Abbott, Josef Albers, Roy Arden,
Eugène Atget, Thomas Bayrle, Denise Bellon, Joseph Beuys,
Mike Bidlo, Guillaume Bijl, Peter Blake, Brassai, KP Brehmer, Maurizio
Cattelan, Christo, Claude Closky, Marcel Duchamp, Don Eddy, Max
Ernst, Erró, Richard Estes, Walker Evans, Hans Finsler, Sylvie
Fleury, Katharina Fritsch, Robert Gober, Andreas Gursky, Nigel Henderson,
Damien Hirst, Mary Inman, Friedrich Kiesler, Rem Koolhaas, Jeff
Koons, Barbara Kruger, Germaine Krull, Surasi Kusolwong, Marko Lehanka,
Sze Tsung Leong, Roy Lichtenstein, Konrad Lueg, Ken Lum, George
Maciunas, Hannes Meyer, Julien Michel, Laszlo Moholy-Nagy, Zwelethu
Mthethwa, Seamus Nicholson, Olaf Nicolai, Claes Oldenburg, Richard
Prince, Man Ray, Tobias Rehberger, Albert Renger-Patzsch, Gerhard
Richter, Willem De Ridder, Martha Rosler, Lisa Ruyter, Tom Sachs,
Haim Steinbach, Wayne Thiebaud, Wolfgang Tillmans, Umbo (Otto Umbehr),
Ben Vautier, Friedrich Vordemberge-Gildewart, Andy Warhol, Robert
Watts, Tom Wesselman, Miwa Yanagi, Peter Zimmermann. (Stand 28.06.2002)
ORT: SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, D-60311 Frankfurt.
DAUER: 28. 09. 01. 12. 2002. ÖFFNUNGSZEITEN: So. + Di.
11 19 Uhr, Mi. Sa. 11
22 Uhr. EINTRITT: 6,99 €. INFORMATION: www.SCHIRN.de, E-Mail:
welcome@schirn.de, Telefon: ++49-69-29 98 82-0, Fax: ++49-69-29
98 82-240. FÜHRUNGEN:
Dienstag, 17.00 Uhr; Mittwoch, 19.00 Uhr; Donnerstag, 19.00 Uhr
(thematische Führung); Samstag, 17.00 Uhr; Sonntag, 15.00 Uhr.
KURATOREN: Max Hollein,
Christoph Grunenberg. WISS. MITARBEIT: Ingrid Pfeiffer. AUSSTELLUNGSARCHITEKTUR:
Nikolaus Hirsch + Michel Müller
Die Fotos wurden freundlicherweise
von der Schirn-Kunsthalle zur Verfügung gestellt.
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siehe auch: SHOPPING GOETHESTRASSE