
Das Museum für Moderne Kunst in
Frankfurt am Main (MMK) genannt, plant im internationalen
Austausch mit dem Warhol Museum in Pittsburgh für September
2003 erstmalig eine umfangreiche Ausstellung der "Time
Capsules" von Andy Warhol (1928-87). Was dort bislang
gehütet wurde wie ein Schatz, wird jetzt erstmals vor
dem Hintergrund unserer herausragenden Sammlung von Werken
des Künstlers einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich
gemacht. Nach einer unvergleichlich aufwendigen Sichtung und
Aufarbeitung von Tausenden von Materialien, gesammelt und
verschlossen in immer gleichen Pappkartons, hat der Nachlass
des Künstlers und das Warhol Museum der Zusammenarbeit
an dieser Ausstellung mit dem MMK zugestimmt.
Die Kooperation der beiden Institutionen
darf als seltener Glücksfall gewertet werden, insbesondere
da diese Ausstellung, deren Konzeption der Initiative des
MMK zu verdanken ist, zunächst in Frankfurt gezeigt wird,
bevor das Warhol Museum 2004 anlässlich seines zehnjährigen
Bestehens dieses Projekt übernimmt.
Beginnend Mitte der 60er Jahre sammelt
Andy Warhol bis zu seinem Lebensende in ca. 600 Kartons alles,
was ihm in seinem Alltag bewahrenswert erschien -vom wertvollen
Gegenstand bis zum lapidaren Souvenir -und versammelt und
ordnet die Inhalte häufig zu Themen. War eine so genannte
"Time Capsule" komplett, wurde diese von Warhol
verschlossen und zu seinen Lebzeiten nicht mehr geöffnet.
Erst nach dem Tod des Künstlers hat das Warhol Museum
in Pittsburgh begonnen, einzelne Kartons wieder zu öffnen.
Aus den rund 100 bislang inventarisierten "Time Capsules"
(alle anderen sind bis heute ungesichtet) hat das MMK 15 exemplarisch
ausgewählt, die einen umfangreichen Einblick in das Leben
und die künstlerische Vorgehensweise Warhols gestatten.
Die komplexen Inhalte -bis zu 280 Gegenstände pro "Time
Capsule" -werden vollständig in verschiedenen Räumen
des MMK präsentiert, wobei jede "Time Capsule"
eine unterschiedliche Präsentationsform voraussetzt.
So wird diese Ausstellung das Universum
eines einzigartigen Künstlers, Filmemachers, Herausgebers,
Musikproduzenten, Geschäftsmannes, Superstars und Sammlers
zeigen. Das zeitliche Spektrum der gesammelten Gegenstände
reicht von den frühen Kinderbüchern der 30er Jahre
bis hin zur Club- und Partyszene des "Studio 54"
Anfang der 80er Jahre. Die "Time Capsules" sind
zugleich Spiegelbild und kollektives Gedächtnis der amerikanischen
Gesellschaft der 60er bis 80er Jahre -wie auch jeweils in
zeitlicher Verzögerung die der europäischen Gesellschaft.
Auch vor dem Hintergrund, dass diese Dekaden gerade wieder
ihre fröhliche Auferstehung feiern, gewinnt diese Ausstellung
ihre zusätzliche aktuelle Bedeutung.
Die Ausstellung der "Time Capsules"
entwirft nicht nur auf sehr ungewöhnliche Weise ein Universum
des Lebenswerks dieses bedeutenden Künstlers, sondern
hinterfragt ganz grundsätzlich die Idee des Museums -auch
als Archiv -und stellt diese ganz aktuell zur Diskussion.
In kaum einem anderen Werk eines Künstlers des 20. Jahrhunderts
wird so radikal "High and Low" einander gleichgesetzt.
In Warhols "Time Capsules", die eindrucksvoll eine
kulturgeschichtliche "Reise in die Vergangenheit"
visualisieren, spiegeln sich beispielhaft Massenphänomene
und Populärkultur unserer heutigen Gesellschaft. Die
"Time Capsules" erlauben einen einzigartigen Einblick
in ein künstlerisches Leben und in ein Werk, indem die
unterschiedlichsten Sparten und Bereiche des Kulturschaffens
interdisziplinär eingeflossen sind. So umfassen die "Time
Capsules", die Warhol ausdrücklich als Kunstwerke
betrachtete, umfangreiche Werkkomplexe aus den bildenden und
darstellenden Künsten, aus Literatur, Musik, Film und
Fotografie.
Es gehört weiterhin zur Konzeption
der Ausstellung, besonders aber zum aktuellen Selbstverständnis
des MMK, dass "Sonderausstellungen" nicht losgelößt
von der Sammlung des MMK präsentiert werden, sondern
in diese integriert werden. Mit der Ausstellung der "Time
Capsules" wird auch die Sammlung des MMK wieder neu präsentiert.
Neben den zur Sammlung des MMK gehörenden Arbeiten von
Warhol wird dieses Mal in Anlehnung an die "Time Capsules"
ein Schwerpunkt zu dem Themenkreis von Zeit und Archiv gesetzt,
so z.B. durch Hanne Darbovens "Ein Jahrhundert - Johann
Wolfgang von Goethe gewidmet" (1971/1982), Ilya Kabakovs
"Rope of Life and Other Installations" (1983/1995),
Allan Ruppersbergs "Five Foot Book Shelve" (2001),
Ceal Floyers "15 Minutes Ago" (2003), durch eine
Videoinstallation "Time is a Trick of the Mind"
(1998) von Francis Alßs und die abschließende
Präsentation des Wiener Friedrich Kiesler-Archivs.

Die Ausstellung der "Time Capsules"
wird sich über sieben Räume auf allen drei Ebenen
des MMK erstrecken und im Kontext seiner herausragenden Sammlung
von frühen Gemälden Warhols wie "One Hundred
Campbellís Soup Cans" (1962), "Dance Diagram
(Fox Trot: "The Double Twinkle -Man")" (1962),
"Daily News" 1962, "Green Disaster #2 (Green
Disaster Ten Times)" (1963), "White Disaster II
(White Burning Car II)" (1963), "Most Wanted Men
No. 11, John Joseph H." (1964), "Multiplied Jackies"
(1964) und einer Reihe früher Zeichnungen (1952-1960)
integriert sein sowie im Kontext anderer Werke aus der Sammlung
des MMK, deren Schwerpunkt in der Thematik von Archiv und
Zeit liegt.
Die Ausstellung beginnt in der zentralen
Halle des Museums mit Time Capsule 27, die Andy Warhols Mutter
Julia Warhola gewidmet ist und einige ihrer persönlichen
Kleidungsstücke, ein illustriertes Gesangbuch und Dokumente
zu ihrer sehr engen Verbindung zur St. Marys Catholic Church
sowie Korrespondenz mit ihrer tschechischen Familie enthält.
Julia Warhola signierte und beschriftete auf Wunsch Warhols
mit ihrer wunderbaren Handschrift seine frühen Zeichnungen
und werbegrafischen Entwürfe, und sie wohnte bis zu ihrem
Lebensende mit Andy Warhol zusammen
to the top.............................
|
Im folgenden Raum wird
die Ausstellung durch drei "Time Capsules" fortgesetzt,
die u.a. Gegenstände von amerikanischen "Celebrities"
beinhalten: TC 58 (Clark Gables Schuhe, ein Geschenk der Witwe
des Schauspielers), TC 61 (ein handkoloriertes Autogramm von
Shirley Temple) und TC 67 (ein Samtkleid von Jean Harlow).
Zu diesen Materialien gehören im weiteren eine von Patty
Oldenburg für Andy Warhols erste Ausstellung (6. November
1962) bestickte Unterhose, ein Brief von Karl Ströher
(1970), bezüglich der Erwerbung von sechs Filmen (die
ehemalige Sammlung von Karl Ströher bildet mit über
80
Werken der amerikanischen POP ART den Grundstock des MMK Frankfurt,
Entwürfe für Bühnendekorationen und Schauspielerbewerbungen.

Der nächste Ausstellungsraum
wird folgende "Time Capsules" vereinen: TC 10 mit
Filmproduktionen aus den 60er Jahren, u.a. zahlreiche Filmkritiken
zu Warhols "Blue Movie", "Trash", "Lonesome
Cowboys", Filmzeitschriften, herausgegeben von Jonas
Mekas und "Newsweek" Cover mit Jack Nicholson sowie
Zeitungsartikel zu "Velvet Underground", u.a. mit
einem Interview mit Nico. Zahlreich sind hier die Materialien
zur Zensur und zur Debatte über "Legalized Pornography".
Ergänzend dazu enthält TC 50 Dokumente zu Andy Warhols
Filmvertrieb: Dabei handelt es sich um mehr als hundert Exemplare
einer Werbebroschüre zu Warhols Filmen, das Cover zeigt
ein Porträt des Künstlers mit Brille und ein seitlicher
Drehmechanismus lässt jeweils unterschiedliche Filme
Warhols als Image in einem der Brillengläser erscheinen.
TC 214 zur Club und Partyszene der 80er Jahre enthält
zahlreiche Einladungen zu Modenschauen, u.a. zu Thierry Mugler
und Valentino sowie zu Helloween Parties im "Studio 54",
Partyfotografien, mit Andy Warhol, Ursula Andress, Mick Jagger
usw., Dankeskarten von Divine und Diana Vreeland, ein Fotoporträt
Warhols, das ihn vor einem Porträt von Hans Christian
Andersen zeigt, und das Cover des "High Times Magazine"
mit Warhol als Santa Claus, mit "Archie" dem Dackel
und Truman Capote im Arm (1978).
Im großen Dreieckssaal auf der ersten Ebene werden zwei
außergewöhnlich umfangreiche "Time Capsules"
gezeigt: TC 12 und TC 44 mit 70 Originalzeichnungen der 50er
und 60er Jahre.
Hier finden sich aber auch vielfältige
Materialien, wie die Ablehnung des Museums of Modern Arts
(1956) für eine Schenkung einer Schuhzeichnung Warhols,
ein Filmplakat zu "Blow Job", ein Fotoporträt
von Ethel Sculls, ein Programmheft zu Merce Cunningham, ein
Notenheft illustriert von Andy Warhol für die Musik von
Samuel Barber, die Hochzeitsanzeige Liza Minellis, Modezeitschriften
mit Warhol als Dressmen, unveröffentlichte Korrespondenzen
mit Truman Capote und der Leo Castelli Gallery und ein Probedruck
der "Mona Lisa" Serie, Boulevard Presse zum Attentat
an J.F. Kennedy und eine Einladung zum Abendessen bei den
Rockefellers usw. usw.
Fortgesetzt wird die Präsentation
mit TC 31, TC 69 und TC 71: Von Warhol illustrierte Schallplattencover,
u. a. Maurice Ravels "Daphne and Chloe" und Tschaikowskis
"Schwanensee" und im weiteren eine Schallplattensammlung,
die von Puccini über Bruckner, Arthur Rubinstein bis
hin zu Judy Garland und Eartha Kitt reicht. Hier finden sich
aber auch zahlreiche Schwarzweißfotos zur "Silver
Factory" mit Andy Warhol und Edie Sedwick sowie Korrespondenzen
mit Wolf Vostell, Gerald Malanga und Philip Johnson. TC 69
beinhaltet vor allem Warhols umfangreiche Sammlung von Kinderbüchern
aus den 30er Jahren, den sogenannten "Big Little Books",
unter anderem Walt Disneys Mickey Mouse und Donald Duck. Ergänzend
dazu enthält TC 71 die Büchersammlung Warhols, die
von amerikanischen Körperkulturheften über Literatur
von Truman Capote und Gertrude Stein bis hin zu Reiseführern
und zu Kunstbüchern, wie Pierro Della Francesca, Henri
Matisse und Henry Geldzahlers "American Painting"
reicht.
In einem Raum mit den
oben genannten frühen Gemälden Warhols aus der Sammlung
des MMK werden TC 21 (ungefähr 204 Paßbildfotos
der Factory Stars aus einem Lichtbildautomaten und Warhols
persönliches Notizbuch) gezeigt sowie TC 92, die unter
anderem die originale Vorlage zu Warhols "Most Wanted
Men" - Serie beinhaltet, Filmzeitschriften mit Bette
Davis, Vorlagen für berühmte Warhol Gemälde:
Dennis Hopper als Cowboy, Dick Tracey, Car Crash und ein Selbstporträt
Warhols, Polaroids aus der "Factory" und ein Fotobuch
über die Beatles. Die Ausstellung wird im Raum mit der
museumseigenen, umfangreichen Werkgruppe der "Date-Paintings"
von On Kawara mit TC 232 schließen, in der sich eine
Sammlung von ca. 300 Titelseiten der "Daily News"
und der "New York Post" aus einem Zeitraum zwischen
Dezember 1978 bis Februar 1980 befindet.
Screentest
Im Museumskino wird im
Ausstellungszusammenhang eine Auswahl der sogenannten "Screen
Tests" zu sehen sein. Circa 500 solcher Filmporträts
sind zwischen 1964-1966 in Andy Warhols "Factory"
entstanden. Dabei handelt es sich um jeweils 3-minütige
Filme, in denen die Porträtierten starr und möglichst
regungslos in die Kamera blicken sollten. Diese sogenannten
"Living Portraits" bilden gleichsam eine Galerie
von bekannten Persönlichkeiten und Factory Stars bis
hin zu unbekannten Teenagern, die die Factory in dieser Zeit
besuchten. Die "Screen Tests" waren im weiteren
das Rohmaterial für zwei sehr bekannt gewordene Filmprojekte
Andy Warhols mit den Titeln "Thirteen Most Beautiful
Girls" und "Thirteen Most Beautiful Boys".
Sie bilden gleichsam eine "Time Capsule" der Superstars
seiner Filmproduktion.
Der vollständige
Inhalt einer "Time Capsule" wird zum ersten Mal
exemplarisch in Buchform publiziert und wissenschaftlich aufbereitet.
Kuratiert wird die Ausstellung in Frankfurt von Udo Kittelmann
und Mario Kramer in enger Zusammenarbeit mit den Kollegen
Tom Sokolowski und John Smith vom Warhol Museum in Pittsburgh.
Mit Dank an Julia Reich vom MMK
Die Zeitkapseln als Flash-Animation:http://www.warhol.org/tc21/ |